„Ich bin doch nicht schwul!"
Wie ein „Ally“-T-Shirt des FC St. Pauli das Risiko abschafft, das den Begriff überhaupt erst begründete
Der FC St. Pauli nimmt mit einem Truck an der diesjährigen CSD-Demo in Hamburg teil. Das ist zunächst einmal sehr, sehr gut.
Der Verein verfügt über eine immense mediale Ausstrahlung, dankenswerterweise weht auf dem Stadiondach die „Progressive Pride“-Flagge, die Regenbogen-Fahne ist recht präsent im Stadion (und im Merchandising) und auf dem Dach der Nordtribüne wurde eine Solaranlage in Regenbogenfarben installiert.
Das strahlt famos in Öffentlichkeiten aus. Das ist super!
Lange Zeit fanden sich auch Regenbogenembleme auf den Trikots der Profimannschaft. Daran war ich nicht ganz unbeteiligt. Nach einem sehr schönen Abend mit dem Designer der Trikots des damaligen Ausstatters „Hummel“ im „Crazy Horst“, St. Pauli Nord, wir tranken viel Bier und ich referierte in schlechtem Englisch auch Nietzsche und erläuterte verschiedene Bezüge in der Fanszene - Kampf gegen Homophobie und Sexismus, der Einsatz für Flüchtlinge, der Post-Punk-Bezug. So kam es dazu, dass das Symbol queerer Bewegungen auf einem der Trikots landete und bekam den ersten Entwurf mit eben diesem Zusatz zugesandt, noch bevor er dem Verein präsentiert.
Nun sind die Regenbögen von den Klamotten wieder verschwunden. Vermutlich, weil der Ausstatter Puma das nicht wollte, weil es sich in Zeiten der Anti-DEI-Doktrinen so schlechter vermarkten lässt. Ich weiß es aber nicht genau.
Solidarität, die etwas kostet, ist beim FC St. Pauli zumeist eher unpopulär. Man steckt das Geld in das Stadion und in die Mannschaft, was ja auch richtig so ist, man müsste sich allerdings nicht darauf beschränken; die Millionendeals fädelt man parallel in Stadion-Logen und dem Ballsaal unter der Haupttribüne ein und ein paar Kröten fallen über das „Kiezhelden“-Programm den Menschen im Viertel zu.
Zum CSD 2026 vermarktet der FC St. Pauli ein T-Shirt, das mit „Queer Ally“ bedruckt ist.
Wenn das jetzt queere Menschen anziehen - machen die sich dann zu ihren eigenen Allies? Oder mutieren Queers zu Allies von cis Heteros, die todesmutig auch mal auf eine CSD-Demo gehen?
Angesichts dessen, dass darüber ein Vereinswappen zu sehen ist - heißt das, der Verein geht davon aus, dass in ihm gar keine Queers organisiert sind, sondern nur Allies? Werden Queers symbolisch aus dem Verein exkludiert, oder sollen sie sich lieber gleich unter Verzicht auf „Zurschaustellung eigener Identität” Allies unterordnen?
Fragen über Fragen. Auf der Rückseite des T-Shirts sieht man noch ein paar bunte Menschen und den Slogan „Zusammen sind wir mehr - gemeinsam für Vielfalt kämpfen!“.
Das erinnert frappierend an die Reden von Politikern nach dem Anschlag auf den Berliner CSD. Auch jenen aus der CDU. Wobei Daniel Günther sich deutlicher und präziser äußerte
Auf der Homepage findet sich der Text: „Vielfalt sichtbar machen und Haltung zeigen: (…) Der Christopher Street Day steht für Zusammenhalt, Sichtbarkeit und den Einsatz für gleiche Rechte. Er ist nicht nur ein Fest, sondern eine Demonstration für eine Gesellschaft, in der alle Menschen frei und selbstbestimmt leben können. Gerade jetzt, wo Hass und Ausgrenzung wieder zunehmen, braucht es unsere Solidarität mehr denn je.“
Ähem - für wessen Rechte denn? Welche Rechte? Wer genau wird gehasst?
Ist es nicht auch eine Form von Ausgrenzung, wenn wir auch in diesem Passus als Queers noch nicht einmal erwähnt werden??? Auch das ähnelt dem Statement des Bundespräsidenten am letzten Wochenende.
Weiter unten formuliert der Text es dann noch etwas genauer. Dafür muss man erst mal scrollen - um dann das zu lesen: „Nicht jede Person ist selbst von Queerfeindlichkeit oder Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität betroffen.“ Ach was. Das kann man dann ja auch auf Transparente bei der CSD-Demo schreiben und mal abwarten, was passiert. Da fehlt nur noch ein: „Zum Glück!“ Oder: „Denkt gefälligst auch mal ans uns Heteros!“ Ja, böswillig, aber sorry, der ganze Text ist verletzend formuliert. Da darf man auch wütend werden.
Ganz unten wird gnädig auch Queers erlaubt, dass sie an einem CSD teilnehmen dürfen: „Ob queer oder Ally; Jede Person zählt! Komm‘ zur CSD-Demonstration und wir machen gemeinsam klar!“
Herzlichen Dank für diese Einladung von Queers in ihren eigenen Raum, auf ihre eigene Demo. Schön, dass wir auch dabei sein dürfen. Wenn auch nach Möglichkeit mit „Ally”-T-Shirt.
Zur Historie der „Allies“
„Allies stehen an der Seite der queeren Community und setzen sich aktiv dafür ein, dass alle Menschen sicher, frei und sichtbar leben können“ - so erklärt die FC St. Pauli-Homepage den Begriff.
Ganz so einfach ist es nicht. „Allys“ meint zunächst einmal: Alliierte. Verbündete. Zur Begriffsgeschichte: Was heute „Allyship” heißt, wurde in den Schwarzen Freiheitsbewegungen der USA erarbeitet - als Frage, welche Rolle Weiße in einem Kampf spielen, der zunächst nicht ihrer ist. Die Antwort, spätestens seit der Black-Power-Wende von 1966: Allies bestimmen nicht mit, sie wirken in die eigenen weißen Communities hinein. Vorreiter sind des Weiteren schwarzfeministische Koalitionstheorien - Bernice Johnson Reagons „Coalition Politics” (1981), das Combahee River Collective Statement (1977). Sie schärften diese politische Praxis: Koalitionen formieren sich zweckgebunden und erweisen sich als unbequem - sie sind kein Zuhause und auch kein Identitätsangebot.
Das Wort „Ally” im heutigen Sinn stammt aus der queeren Rezeption von Konzepten aus Black Communities. Die Historikerin Micki McElya hat in der Boston Review („Who Is an Ally?”, 2019) rekonstruiert, dass es aus den Diversity-Programmen US-amerikanischer Hochschulen der 1980er stammt und erstmals 1991 gedruckt auftaucht - im dem Aufsatz „Becoming an Ally” von Jamie Washington und Nancy J. Evans, veröffentlicht im Handbuch Beyond Tolerance: Gays, Lesbians, and Bisexuals on Campus. Also: antirassistische Theorie, überführt in Hochschul-Verwaltungssprache, dort zuerst auf Queers angewandt.
Und in genau diesem Gründungstext steht die Stelle, an der man die St.-Pauli-Kampagne von 2026 messen sollte.
Es geht um das Risiko!
Verschiedene Autoren entwickelten ein Stufenmodell, dessen letzte und wichtigste Stufe „Action” heißt: der öffentliche, sichtbare Schritt. Als größte Zumutung dieses Schrittes benannten sie: andere könnten Allies selbst für schwul, lesbisch oder bisexuell halten - oder als trans oder non-binär betrachten. Deshalb, so die Autor*innen, hielten das auch nur besonders gefestigte Heteros aus. Dieses Überschreiten der Grenzziehung setzte Personen dem Risiko aus, punktuell und temporär das zu erfahren, was im Falle anderer Menschen die Sozialisation und ihr ganzes Leben prägt.
Es ist analytisch die interessanteste Stelle des ganzen Ally-Diskurses, weil sie den einzigen wirklichen Preis benennt, den eine heterosexuelle Person in einem queeren Kontext zahlt: die Aufgabe der Gewissheit, dass alle sie auch ja richtig einsortieren. Alles andere - Zustimmung, Betroffenheit, Haltung - gibt es gratis. Das Verwechseltwerden ist der Punkt, an dem Solidarität etwas kostet.
Zur Illustration: eine ehemalige Vizepräsidentin - die Männer aus dem Präsidium trauen sich zumeist gar nicht erst auf queere Veranstaltungen, noch nicht einmal, wenn man sie direkt darum bittet - fand sich bei einer CSD-Demo inmitten der FC St. Pauli-Gruppe wieder und hörte gar nicht mehr auf, mit ihrem Mann zu knutschen, sich wechselseitig befingernd. Aus schwulen Kneipen könnte man dafür rausfliegen. Das sind halt keine Orte für Hetero-Performances. Nicht, weil man etwas gegen Heteros hätte. Ihnen sei ja alle Lust von ganzem Herzen gegönnt. Die umgeben Queers aber eh schon den ganzen Tag. Meine persönliche Interpretation dieser, klar, aus meiner Erinnerung geschöpften Anekdote: “Oje, man könnte mich hier für lesbisch halten. Hoffentlich baggert mich keine Lesbe an.”
Und nun zurück zum T-Shirt.
Der FC St. Pauli fährt am 1. August mit einem eigenen Truck beim Hamburger CSD mit, gemeinsam mit der ehrenamtlichen Fangruppe St. Pauli Pride - der Pride AG des Vereins - und dem Mobilfunkanbieter congstar, unter dem Motto „Queer Ally - that’s the way we like it!”. Im Vereinsshop gibt es dazu das „T-Shirt CSD Queer Ally 2026”, 29,95 Euro.
Ein Ally-T-Shirt auf einem CSD ist die exakte Umkehrung dessen, was Washington und Evans beschrieben haben. Es sei wiederholt, weil es wichtig ist: Es setzt seinen Träger nicht dem Risiko der Verwechslung aus - es schafft dieses Risiko ab. Es ist ein Kleidungsstück, dessen einzige zusätzliche Information gegenüber „ich bin hier” lautet: “ich gehöre nicht dazu”. Solche Klarstellungen haben eine sehr alte, sehr vertraute Tradition. Das Shirt sagt zwar, freundlich formuliert: ich bin solidarisch. Es sagt zugleich, präzise formuliert: “ich doch nicht”. Zugleich wird aus der “Queer Pride” eine “Ally Pride”, punktuell.
Auch das sei wiederholt: Was passiert, wenn eine queere Person das Shirt trägt? Sie löscht ihre eigene Position aus und markiert sich als Außenstehende ihres eigenen Anlasses. Ein Bekenntniskleidungsstück, das die einen tragen können und die anderen nicht, ohne sich zu verleugnen, ist kein Bekenntnis zur Gemeinschaft, sondern eine Grenzziehung durch sie hindurch - auf einer Demonstration, deren Ausgangspunkt gerade die Weigerung ist, sich unsichtbar zu machen.
Zur Klarstellung: Je mehr Allies auf einem CSD mitlaufen, desto besser. Sie sind willkommen, wir freuen uns sehr über sie, sie unterstützen uns durch Anwesenheit und auch unsere Forderungen. Das ist sehr gut und toll.
Aber doch nicht so.
„Ally” ist kein T-Shirt, das man sich anzieht
Die Kritik daran ist nicht neu. Die Schwarze queere Autorin Mia McKenzie hat 2013 auf Black Girl Dangerous unter dem Titel „No More Allies” vorgeschlagen, das Substantiv ganz zu streichen und durch eine Verlaufsform zu ersetzen: „currently operating in solidarity with”. Der Gedanke dahinter ist simpel: Ally ist kein Zustand und auch keine Seinsweise, sondern eine Tätigkeit. Über Handlungen urteilt man im Nachhinein und von außen. Niemand wacht morgens auf und beschließt, Ally zu sein und sich eine solche Identität überzustülpen wie ein T-Shirt. Der Status wird zugeschrieben, nicht beansprucht - und er ist immer widerruflich, weil er nur so lange gilt, wie gehandelt wird.
Die philosophisch schärfste Fassung dieses Arguments stammt von Sara Ahmed. In „Declarations of Whiteness: The Non-Performativity of Anti-Racism” (2004) zeigt sie, dass antirassistische Selbsterklärungen nicht bewirken, was sie behaupten. Wer sagt „ich bin privilegiert”, hat damit nichts umverteilt, gilt aber als jemand, der sich selbst dafür auf die Brust schlagen kann, und das noch, wenn er ganztägig Schwarze Menschen, Schwarzes Wissen und Schwarze Erfahrungen ignoriert und sich nur unter Weißen bewegt, die Jobs und Geld unter sich verteilen.
Ally-Theater
Der Netzbegriff dafür ist „Ally Theater” - Sichtbarkeitsgesten als Aufführung vor der eigenen Peergroup: Hashtags, Sicherheitsnadeln nach dem Brexit, schwarze Kacheln im Juni 2020, Regenbogen-Flaggen in einem Stadion, wo das niemand stört. Der NPR-Podcast Code Switch hat das 2017 in der Folge „Safety-Pin Solidarity” auf die entscheidende Frage gebracht: Wer steht mit dir - im Unterschied zu: wer steht für dich und setzt sich dabei vielleicht sogar an Deine Stelle, schiebt Dich aus dem Bild?
Das Kennzeichen dieser Gesten ist, dass sie nichts kosten, aber etwas einbringen: Reputation in der eigenen Bezugsgruppe. Und sie tragen eine verräterische Asymmetrie in sich. Wer Allyship als Identität führt, bezieht seine Maßstäbe fast nie aus dem, was queere Menschen an Wissen, Streit und Theorie, Kultur, Kunst, Geschichte tatsächlich produzieren - queere Medien werden nicht gelesen, queere Debatten nicht verfolgt, queere Konflikte nicht ausgehalten und noch nicht einmal verstanden. Referenz ist die eigene progressive Vorstellung davon, was Queers wohl brauchen könnten. Das ist der Unterschied zwischen Solidarität und Selbstbild: Solidarität setzt voraus, dass man sich für die Sache auch dann interessiert, wenn kein Truck fährt.
Der Ally Industrial Complex
2014 veröffentlichte Indigenous Action Media das Zine Accomplices Not Allies: Abolishing the Ally Industrial Complex. Die These: Allyship ist längst ein Wirtschaftszweig, etabliert von Aktivist*innen, deren Karrieren von den Themen abhängen, an denen sie arbeiten - Non-Profit-Kapitalisten, die aus den Kämpfen Kapital schlagen, die sie zu unterstützen vorgeben. Das Zine schlägt „accomplice” vor: Komplizin, mit-verwickelt, mit-haftbar. Klar, diese These wurde auch von rechts adaptiert und gegen „Progressive“ gewendet - freilich ohne jede Solidarität mit Queers, mit denen sich „Progressive“ in der Regel auch wenig beschäftigen. Und wenn man sich an dem orientierte, was Rechte so alles zusammen klauen, müsste man eh schweigen.
Für einen Fußballverein kann man den Begriff so übersetzen. „Queer Ally” ist beim FC St. Pauli eben auch ein Produkt: ein Truck mit Sponsorenlogo, ein Motto, eine Kollektion, Reichweite auf allen Kanälen.
Und dazu gehört das oben erwähnte Soli-Shirt. Die Produktseite im Online-Fanshop sagt: Teile der Erlöse fließen in die Pride AG des FC St. Pauli, die die Mittel an queere Initiativen für Schutzräume, Beratung und Empowerment weitergibt. Es fließt also Geld. Wenigstens das.
Nur lohnt sich hier ein Blick auf dieselbe Seite mit anderen Augen. Das Shirt ist dokumentiert bis auf die Nachkommastelle: 100 % Bio-Baumwolle, Jersey, gerader Schnitt, Farbe weiß, Herstellung in der Türkei, Produktnummer SP0126000, GTIN 4255928808054, 29,95 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Die Solidarität dagegen erscheint als: „Teile”. Kein Prozentsatz, kein Mindestbetrag, kein Empfänger beim Namen, kein Rechenschaftsbericht. Man erfährt exakt, woher der Stoff kommt, und ungefähr nichts darüber, wohin das Geld geht. Diese Asymmetrie ist keine Schlamperei, sie ist eine Prioritätenordnung: Was verkauft werden muss, wird beziffert. Was Haltung signalisieren soll, muss nur unbestimmt genug bleiben, um niemanden festzulegen.
Der Weg des Geldes führt zunächst nicht nach außen, sondern in die Pride AG - und die Pride AG ist St. Pauli Pride, dieselbe Gruppe, die auch auf dem Truck steht und der Kampagne ihr Gesicht gibt. Sie arbeitet ehrenamtlich, und dieses Engagement sei respektiert.
Damit schließt sich jedoch ein bemerkenswerter Kreis. Dieselben unbezahlten Menschen liefern die Glaubwürdigkeit, für die geworben wird, sitzen auf dem Fahrzeug, für das geworben wird, und übernehmen anschließend die Prüfung und Weitergabe der Mittel, die dabei eingenommen werden. Sie sind Testimonial, Programm und Förderabteilung in einem - und werden für keine dieser drei Funktionen bezahlt, vermutlich. Der Verein hat die Solidaritätsarbeit nicht ausgelagert, er hat sie an die Leute delegiert, mit denen er solidarisch zu sein behauptet, die er aber mutmaßlich nicht entlohnt.
Das ist die vertraute Arbeitsteilung, nur diesmal in Reinform: Die Agentur, die das Motiv entwirft, wird vermutlich bezahlt. Die Merchandising GmbH wird finanziert. Der Sponsor bekommt sein Logo auf den Truck.
Die Betroffenen liefern Authentizität, Beratung und Mittelvergabe zum Nulltarif und dürfen dafür im Interview für mehr Teilnahme werben, und das Präsidium, selbst ehrenamtlich (noch, glaube ich zumindest), ist lieb und nett zu ihnen und gewährt ihnen den begehrten Status in der Vereinsmeierei.
Wer wissen will, ob eine Institution es ernst meint, schaut nicht auf ihre Kommunikation, sondern auf ihre Personalstellen und ihren Zuwendungshaushalt. Ein Ehrenamt ist eine aufreibende Sache, es kostet Zeit, Emotionen, Aufwand, Engagement. Ein Ehrenamt, das die Kernkompetenz einer Kampagne stellt, mit der ein Wirtschaftsbetrieb Umsatz und Image erzeugt - wie soll man das denn nennen?
Alle sind jetzt Allies - Queers dürfen hinzustoßen
Der Text auf der Vereinsseite lädt ausdrücklich alle ein, ob queer oder Ally, jede Person zähle. Das klingt maximal einladend und ist strukturell das Gegenteil. Denn die Aufteilung setzt eine Normalverteilung voraus, es sei wiederholt: Hier der Verein und seine Fans, dort die queere Community, und der CSD ist der Ort, an dem die einen die anderen besuchen. Die Ally-Ansprache erklärt das St.-Pauli-Publikum implizit zum cis-heterosexuellen Kollektiv - ein Verein, der wohlwollend durch einen queeren Raum läuft und sich dabei im selben Atemzug von ihm abgrenzt.
McElya hält den Begriff “Ally” dennoch für rettbar. Aber nur, wenn er ein Verhältnis meint und keine Identität. Das deutsche Wort „Verbündete” löst das sprachlich eleganter: Ein Bündnis kennt Bedingungen und Pflichten.
Das ist nicht nichts - und trotzdem zu wenig
Die Einwände oben sind kein Argument gegen Sichtbarkeit. Queerfeindliche Angriffe nehmen zu, rechte Gruppen greifen CSDs gezielt an, und ein Zweitligist, der mit einem lauten Truck durch Hamburg fährt, ist mehr als das Schweigen vieler anderer Vereine. Der FC St. Pauli hat auf diesem Feld eine längere Geschichte als fast jeder Konkurrent. Wer in Social Media als St. Pauli-Fan eine Regenbogenflagge postet, erntet auch Beschimpfungen.
Aber es ist der Punkt, an dem der Anspruch zum Maßstab wird. Ein Verein, der sich über Haltung definiert, muss sich an der Differenz zwischen Haltung und Handlung messen lassen. Und die Prüffragen sind konkret:
- Wie viel Prozent des Verkaufspreises sind „Teile der Erlöse”?
- Welche Initiativen haben in den letzten fünf Jahren wie viel Geld bekommen - und gibt es dazu einen öffentlichen Bericht?
- Wird queere Arbeit im Verein irgendwo bezahlt, oder ausschließlich ehrenamtlich geleistet? “Kiezhelden” zählt nicht, weil es sich nicht exklusiv Queers widmet und der Etat eh winzig ist.
Bis diese Fragen beantwortet sind, bleibt „Queer Ally” ein Aufdruck. Und einen Aufdruck kann man mitsamt dem Kleidungsstück wieder ausziehen. Das ist, McKenzie hätte es so formuliert, kein Fehler des Shirts. Das ist seine Funktion.
Nachtrag: Ich war 25 Jahre Mitglied im FC St. Pauli, Dauerkartenbesitzer, Fan. Ich habe 2013 im Rahmen des „Fußball & Liebe“-Festivals - erstmals, ich hatte darin keine Erfahrung - 3 Stunden lang ein Panel moderiert zum Thema „Sexismus und Homophobie im Fußball“, zu Gast unter anderem Sookee, und mich dabei als offen schwul auf eine Bühne im Stadion gestellt. Ehrenamtlich. Ich habe - das lief prima - gut bezahlt für das FC St. Pauli-Marketing gearbeitet, das ist schon eine Weile her und es ging auch um queere Themen. Ich legte „Kiezhelden“ ein durchkalkuliertes Ausstellungskonzept zur queeren Geschichte St. Paulis vor, das allerdings im Sande verlief. Man kennt mich in Teilen des Präsidiums, der Medienabteilung und manch einer auch im Aufsichtsrat (z.B. der, der mich als „Diva“ bezeichnete - solche Zuschreibungen kennt man als Schwuler ganz gut).
Ich bin nunmehr aus dem Verein ausgetreten, weil das oben Beschriebene für mich nicht mehr auszuhalten war.
Quellen
- Micki McElya: Who Is an Ally?, Boston Review, Fall 2019 / 30.12.2019 — https://www.bostonreview.net/articles/micki-mcelya-history-social-justice-ally/
- Jamie Washington & Nancy J. Evans: Becoming an Ally, in: Evans/Wall (Hg.), Beyond Tolerance: Gays, Lesbians and Bisexuals on Campus, ACPA 1991, S. 195–204 — https://eric.ed.gov/?id=ED336682
- Mia McKenzie: No More Allies, Black Girl Dangerous, 2013; auch in: Black Girl Dangerous on Race, Queerness, Class and Gender, BGD Press 2014
- Indigenous Action Media: Accomplices Not Allies: Abolishing the Ally Industrial Complex, 4.5.2014 — https://www.indigenousaction.org/accomplices-not-allies-abolishing-the-ally-industrial-complex/
- Sara Ahmed: Declarations of Whiteness: The Non-Performativity of Anti-Racism, Borderlands 3 (2), 2004; dies.: On Being Included. Racism and Diversity in Institutional Life, Duke UP 2012
- Bernice Johnson Reagon: Coalition Politics: Turning the Century, 1981/1983; The Combahee River Collective Statement, 1977
- NPR Code Switch: Safety-Pin Solidarity: With Allies, Who Benefits?, 8.3.2017 — https://www.npr.org/2017/03/08/516907017/safety-pin-solidarity-with-allies-who-benefits
- FC St. Pauli: Queer Ally – that’s the way we like it!, 20.7.2026 — https://www.fcstpauli.com/news/fc-st-pauli-mit-eigenem-truck-beim-csd-2026
- FC St. Pauli Shop: T-Shirt CSD Queer Ally 2026, 29,95 €, Art.-Nr. SP0126000 (inkl. Soli-Hinweis „Teile der Erlöse”) — https://www.fcsp-shop.com/t-shirt-csd-queer-ally-2026-sp0126000
- Interview mit St. Pauli Pride zum CSD 2026, via OneFootball, Juli 2026

